MĂNCHEN â Gelbe und braune BlĂ€tter liegen am Montag (30.06.2025) verstreut auf dem MĂŒnchner Asphalt â doch es ist nicht Herbst, sondern Hochsommer. Was normalerweise erst im September geschieht, passiert in Bayerns Landeshauptstadt bereits jetzt: Die BĂ€ume werfen ihr Laub ab. Ein verzweifelter Ăberlebenskampf gegen die extreme Trockenheit hat begonnen.
Experte warnt vor verheerenden SchÀden durch Trockenheit
Manfred Siering vom Bund Naturschutz Bayern blickt besorgt auf die kahlen Ăste in den StraĂen MĂŒnchens. âDie extreme Trockenheit, die gerade in ganz Europa eigentlich grassiert, sowohl bei uns als auch in SĂŒdeuropa, die lĂ€sst verheerende SchĂ€den befĂŒrchten, die in den nĂ€chsten Jahren auftreten könnenâ, warnt der Naturschutz-Experte. âDas ist jetzt vielleicht nur der Anfang, weil es ja immer wĂ€rmer wird.â

Die Dimension des Problems zeigt sich in Zahlen: Ein groĂer Baum verdunstet jede Nacht zwischen 200 und 400 Liter Wasser ĂŒber seine BlattflĂ€che. Doch genau an diesem lebenswichtigen Nass mangelt es. Besonders in den StĂ€dten leiden die grĂŒnen Riesen unter doppeltem Hitzestress: Das trockene Stadtklima und versiegelte Böden machen es den Wurzeln nahezu unmöglich, an Feuchtigkeit zu gelangen.
Jede Baumart kĂ€mpft anders ums Ăberleben
Jede Baumart reagiert anders auf die Notsituation. NadelbĂ€ume wie die Eibe werfen Ă€ltere NadeljahrgĂ€nge vorzeitig ab und verlieren dadurch wichtige AtemflĂ€che. Der Bergahorn lĂ€sst seine BlĂ€tter nach unten hĂ€ngen, damit die Sonnenstrahlen an der BlattflĂ€che vorbeigeleitet werden. Die Esche geht noch extremer vor: Sie kippt ihre BlĂ€tter senkrecht nach unten und richtet sie nachts wieder auf â wenn sie noch die Kraft dazu hat.
Besonders dramatisch trifft es die Rotbuche, den Leitbaum der mitteleuropĂ€ischen WĂ€lder. âDie Rotbuche ist aber ein Baum, der braucht immer NachbarbĂ€ume, die auch beitragen, dass jeder einzelne Baum Schatten hatâ, erklĂ€rt Siering. Stirbt ein Nachbarbaum ab und bricht plötzlich ungewohnt Sonne auf den Stamm durch, entstehen feine Risse â der gefĂŒrchtete Buchen-Sonnenbrand. Pilzsporen dringen ein, und der gesamte Stamm ist gefĂ€hrdet.
Grundwasserspiegel auf historischem Tiefstand
Die Situation der Trockenheit verschĂ€rft sich durch den historisch niedrigen Grundwasserspiegel. âDer Grundwasserspiegel ist eigentlich sehr viel tiefer als die Baumwurzeln reichen. Und der ist natĂŒrlich abgesunken, das wissen wir aus den zahlreichen Messpegeln, die ĂŒberall stehenâ, berichtet Siering. Der Grundwasserspiegel sei ânoch nie so niedrigâ gewesen wie derzeit.
Das Problem liegt laut dem Experten in der massiven Versiegelung der Landschaft. Auf versiegeltem Boden hat ein Baum âĂŒberhaupt nichtsâ vom Regen â das Wasser rauscht an ihm vorbei, und am nĂ€chsten Tag steht er wieder âstaubtrockenâ da. Selbst bei WolkenbrĂŒchen dringt das Wasser nur etwa 20 Zentimeter tief ein, wĂ€hrend die tieferen Schichten völlig trocken bleiben.
BĂŒrger können bei extremer Trockenheit helfen
Doch es gibt Hoffnung â und jeder BĂŒrger kann helfen. âJeder BĂŒrger, der zum Beispiel aus dem Fenster schaut und hat BĂ€ume in seiner StraĂe, der kann versuchen, wenn es so ganz heiĂ ist, mehrere Tage hintereinander, dass man mit einem Eimer Wasser runtergeht und das Wasser sanft an den Stamm gieĂtâ, rĂ€t Siering. Wichtig dabei: Abends gieĂen, damit das Wasser ĂŒber Nacht stressfrei einziehen kann.
MĂŒnchen sucht nach Lösungen
Die Stadt MĂŒnchen arbeitet bereits an Lösungen. Im GesprĂ€ch mit anderen GroĂstĂ€dten der Nordhalbkugel tauscht sich die Landeshauptstadt ĂŒber Erfolge beim Kampf gegen die KlimaerwĂ€rmung aus. Doch Siering mahnt: âEs geht auch sehr langsam.â Bis ein Platz fĂŒr einen GroĂbaum in der wachsenden Stadt gefunden ist, vergeht viel Zeit. Zwischen Wohnblöcken entstehen neue GebĂ€ude mit Tiefgaragen, auf deren Deckeln nur 60 Zentimeter Humus Platz finden â zu wenig fĂŒr groĂe BĂ€ume.
Der NaturschĂŒtzer fordert ein Umdenken: Statt immer breitere Radwege zu bauen, sollten GrĂŒnstreifen vergröĂert und Mittelstreifen bepflanzt werden. Böden mĂŒssen entsiegelt werden â ParkplĂ€tze mit Rasengittersteinen statt Asphalt, kleine Ăberlaufbecken fĂŒr Regenwasser statt sofortiger Ableitung in die Kanalisation.
Neue Baumarten als Zukunftslösung
FĂŒr die Zukunft sieht Siering auch neue Baumarten als notwendig an. Italiener pflanzen bereits BĂ€ume aus Nordafrika, die an die neuen KlimaverhĂ€ltnisse angepasst sind. In Deutschland mĂŒssen BĂ€ume aus pannonischem Klima her â ungarische Eichen, ZĂŒrgelbaum oder Amberbaum aus Nordamerika, die mit Hitzestress besser zurechtkommen als heimische Arten.
Seine gröĂte Sorge gilt der jungen Generation: âDas ist eine Horrorvorstellung fĂŒr mich, wenn ich denke, was da auf die junge Generation zukommt, werden keine BĂ€ume mehr da sind.â Denn BĂ€ume seien unverzichtbar â sie spenden Feuchtigkeit, reinigen die Luft, sorgen fĂŒr LĂ€rmschutz und sind Lebensraum fĂŒr unzĂ€hlige Arten. âWir sind da viel zu eng verbunden mit den BĂ€umen, mit der Vegetation und mit allemâ, betont Siering. Eine Welt mit noch weniger BĂ€umen kann er sich âkaum vorstellenâ.
